Das Unbewusste

Der psychoanalytische Begriff des Unbewussten und seine Entwicklung. Eine Bestandsaufnahme

Das Unbewusste - für Viele gilt die Psychoanalyse als die Wissenschaft dieses seelischen Phänomens, das immer nur indirekt zu erschließen war, sich dem bewussten Denken durch seine Natur verschließt, und Ausgangspunkt intensiver Forschung und Hypothesenbildung ist. Sigmund Freud bezeichnete es gar als "das reale Psychische".

Doch wie hat sich dieses Kernkonzept der Psychoanalyse im Laufe der Jahrzehnte entwickelt? Gibt es einen Konsens über die Beschaffenheit dieses seelischen "Raums"? Oder gibt es gar unterschiedliche "Unbewusstseins-Sphären", die sich voneinander abgrenzen lassen?

Werner Bohleber, Psychoanalytiker in Frankfurt und Herausgeber der "PSYCHE - Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen" unterscheidet in diesem Beitrag drei Formen des Unbewussten, und beschreibt konzeptuelle Unterschiede. Er diskutiert darüber hinaus die Entwicklung dieses Kernkonzepts beispielhaft anhand der Beiträge namhafter Psychoanalytiker unterschiedlicher Schulen, beschreibt die Veränderungen des psychoanalytischen Begriffs des Unbewussten und deren Auswirkungen auf das psychoanalytische Verständnis des Seelischen.

Ein Beitrag von Werner Bohleber

Das Unbewusste

Das Unbewusste - ein Kernkonzept der Psychoanalyse

Angesichts des Pluralismus psychoanalytischer Theoriesysteme verwundert es nicht, dass wir heute bei einem so zentralen Konzept wie dem Unbewussten ganz unterschiedliche Auffassungen vorfinden. Sie reichen vom klassischen Begriff des Unbewussten als Ort verdrängter Triebrepräsentanzen bis hin zu einem Unbewussten als dem Ort dissoziierter, nicht-verbalisierter Selbstzustände.

Das Unbewusste ist ein abstraktes Konzept, das wir immer nur erschließen, nie empirisch direkt erfassen können. Die selbstreflexive Befragung der eigenen theoretischen Vorstellung vom Unbewussten und seiner Prozesse stößt unweigerlich auf metaphorische Vorstellungskomplexe, mit denen wir versuchen, uns das abstrakte Konzept zu veranschaulichen.

Das traditionelle Vorstellungsgebäude ist das räumliche, das unser Denken immer wieder bestimmt. In seiner klassischen Freudschen Beschreibung erscheint der seelische Apparat wie ein dreifach geschichteter Raum. In der Tiefe befindet sich das System des Unbewussten. Im kleinianischen Modell finden wir neben dieser vertikalen Metaphorik einen stärker horizontal aufgespannten metaphorischen Raum, in dem sich die unbewussten Prozesse der projektiven Identifizierung entfalten. Teile des Selbst wandern in den Anderen als Objekt hinein, so wie auch Teile des Anderen ins Selbst assimiliert werden.

Anders, aber metaphorisch doch ähnlich, verhält es sich mit der Dialektik von Selbst und Anderem etwa bei Jean Laplanche. Bei ihm wird das Unbewusste des Kindes zum Ort der rätselhaften, sexuell unterfütterten Botschaften des Anderen, d.h. vor allem der Mutter.

In einem dritten Modell, das den neueren intersubjektiven Theorien entstammt, ist die interpersonale Beziehung selbst Ort des Unbewussten. Hier wird das Unbewusste in impliziter Form in der Beziehung ausgelebt und kann in der Beziehung zum Analytiker von einem »nicht-artikulierten« Zustand in einen »miteinander verhandelten« und »ko-konstruierten« bewussten Zustand überführt werden. Entsprechend wird auch von einem Zwei-Personen-Unbewussten gesprochen (two-person unconscious, Lyons-Ruth 1999). Als Paradigma eines unbewussten Austauschs zwischen Analytiker und Patient gilt in diesem Modell das enactment.

Man sollte die implizite Präsenz der Raummodelle der Psyche im Denken der Analytikerin, des Analytikers nicht unterschätzen. Obwohl abstrakte Konstruktionen, bestimmen solche metaphorischen Modelle unser Denken und können uns dazu verleiten, sie zu reifizieren, was sich dann wiederum in der Art niederschlägt, wie Deutungen formuliert und dann verbalisiert werden.

Die Annahme, dass das Seelenleben im Wesentlichen unbewusst abläuft, bildet die fundamentale Grundannahme der Psychoanalyse.

Freud schreibt 1900 in der Traumdeutung:

»Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische, uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die Angaben unserer Sinnesorgane« (1900a, S. 617f.).

Das Konzept des Unbewussten ist für Freud eine notwendige Annahme, für deren Existenz er in seiner therapeutischen Arbeit vielfache Beweise fand, und zwar deshalb, weil

»die Daten des Bewußtseins […] lückenhaft sind; sowohl bei Gesunden als bei Kranken kommen häufig psychische Akte vor, welche zu ihrer Erklärung andere Akte voraussetzen, für die aber das Bewußtsein nicht zeugt« (1915e, S. 265).

Solche Akte, die einer Erklärung bedürfen, erkennt Freud in Fehlhandlungen, Träumen, psychischen Symptomen und Zwangserscheinungen oder im Alltagsleben in Einfällen, deren Herkunft unbekannt ist. Hier wird ein erster wichtiger Grund sichtbar, der zur Annahme einer unbewussten Geistestätigkeit nötigt, die über die unmittelbare Erfahrung hinausführt: es ist die Suche nach dem Sinn seelischer Phänomene und nach deren Zusammenhängen.

Freud geht noch einen Schritt weiter und sucht einen »unanfechtbaren Beweis für die Existenz des Unbewußten«. Er findet ihn in einem therapeutischen Handeln, das auf der Annahme des Unbewussten beruht, einer Annahme, die dann eine Bestätigung findet, wenn die therapeutische Aktion den Ablauf der bewussten Vorgänge in eine bestimmte Richtung beeinflusst. Freud positioniert das Unbewusste damit vor einem zweifachen Horizont, zum einen vor einem hermeneutischen, bei dem nach sinnhaften Gründen für ein bestimmtes Handeln gesucht wird, zum anderen vor einem naturwissenschaftlichen, bei dem das Unbewusste als kausale Kraft ausgefasst wird, die die bewussten Vorgänge beeinflussen und steuern kann.

Freud hat zwei Modelle des Seelenlebens formuliert. Das erste und frühere topographische Modell (1915e) unterscheidet drei Systeme: das Unbewusste, das Vorbewusste und das Bewusste. Jedes System hat seine Funktion, seine Abwehrformen und seine Besetzungsenergie. Der Übergang seelischen Materials von einem System zum anderen wird durch Zensuren kontrolliert. Vorstellungen, Erinnerungen und Verhaltensweisen werden auf diese Weise verschiedenen »psychischen Orten« (Laplanche & Pontalis 1973) zugewiesen.

Seine therapeutischen Erfahrungen zwangen Freud, das Ich, seine Funktionen und Abwehroperationen neu zu überdenken. Diese und noch andere Aspekte führten zur Revision seines ersten, topischen Modells und zur Formulierung des sogenannten Strukturmodells mit seinen Instanzen Ich, Es und Überich (1923b). Da Teile des Ichs und Überichs unbewusst sein können, verliert in diesem Modell die Trennung der psychischen Systeme ihren fundamentalen Charakter. Das Es beinhaltet nicht mehr die Gesamtheit des psychisch Unbewussten. Dennoch übernimmt Freud für diese Instanz die meisten Eigenschaften, die er dem System Unbewusst zugeschrieben hatte.

Die weitere Entwicklung der Psychoanalyse zeigte dann, dass das zweite Modell keineswegs das erste abgelöst hat. Immer wieder wurden Probleme verhandelt, bei denen auf das topische Modell zurückgegriffen wurde. Das hatte auch damit zu tun, dass die Entwicklung vornehmlich dahin lief, sich mehr und manchmal fast ausschließlich mit dem Ich, seiner Entwicklung und seinen Abwehrmechanismen, zu beschäftigen, wodurch das Unbewusste als zentrales Thema in den Hintergrund geriet. In Gegenbewegung dazu wurde dann wieder auf das topische Modell zurückgegriffen.

Den Kern des Unbewussten bilden für Freud die Triebrepräsentanzen. Sie wiederum formen sich zu Phantasien und imaginären Szenerien, die bildhafte Darstellungen des Wunsches sind. Das primärprozesshafte Denken, vor allem gekennzeichnet durch die Mechanismen von Verschiebung und Verdichtung, ist für Freud das ursprüngliche Denken in der frühen Kindheit, das im Unbewussten vorherrschend ist. Das sekundärprozesshafte Denken bildet sich erst später im Leben aus. Denkvorgänge werden rational, die Verneinung und das Gesetz des Widerspruchs gelten und das Realitätsprinzip übernimmt zunehmend die Herrschaft (Freud 1911b). Nach heutiger Forschung übernehmen ab dem 7. Lebensjahr die sekundärprozesshaften Organisationsprinzipien vollends die Kategorisierung bewussten und vorbewussten seelischen Geschehens (Brakel, Shevrin & Villa 2002).

»Infolge dieses verspäteten Eintreffens der sekundären Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewußten Wunschregungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das Vorbewußte, dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus dem Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen haben, den etwa abzuleiten und auf höher stehende Ziele zu lenken sie sich bemühen dürfen« (Freud 1900a, S. 609).

Verglichen mit Freuds Konzeption des Unbewussten hat sich unser heutiges Verständnis unbewusster Prozesse beträchtlich erweitert. Ich möchte es in drei funktional zu unterscheidenden Arten des Unbewussten zusammenfassen.

1. Das dynamische Unbewusste

Für Freud war die Verdrängung das Hauptkennzeichen des dynamischen Unbewussten. Nur ihm galt sein Interesse. Sein Inhalt waren vor allem Triebrepräsentanzen und Wunschregungen, die sich zu verwirklichen suchten und dadurch einen Auftrieb an die Oberfläche des Bewusstseins entwickelten, was den gesamten psychischen Apparat unter Druck setzte.

Um erfolgreich zu sein, mussten sie sich mit Vorstellungen oder Wunschrepräsentanzen verbinden, die Zugang zum Vorbewussten hatten oder dort angesiedelt waren. Heute gehen wir davon aus, dass nicht nur Triebwünsche das Unbewusste bevölkern, sondern auch eine ganze Reihe anderer Wünsche, die sich um die Erhaltung des Narzissmus, um das Sicherheitsempfinden, um die Vermeidung von unangenehmen Affekten usw. drehen.

Die unbewussten Phantasien sind die treibenden Kräfte, die die psychische Realität organisieren. Im kleinianischen Modell ist das Unbewusste quasi identisch mit den unbewussten Phantasien (Isaacs 1948). Deren Untersuchung in den analytischen Behandlungen ergab, dass sie keineswegs nur nach den Gesetzen des Primärprozesses organisiert sind, vielmehr von locker organisierten primitiven frühen Phantasien bis hin zu stabilen, hochorganisierten, mit sekundärprozesshaftem Denken überformten Phantasien reichen, die eine narrative oder szenische Qualität haben, aber dennoch den primärprozesshaften Charakter widerspiegeln (Sandler & Sandler 1998).

Darüber hinaus können unbewusste Phantasien, anders als Freud annahm, durchaus durch neue Erfahrungen verändert, überlagert und durch Abwehrprozesse transformiert werden. Auch sind unbewusste Phantasien nicht der einzige Inhalt des Unbewussten. Daneben finden wir unbewusste Überzeugungen, die das bewusste Verhalten steuern, wie z.B. die Überzeugung, dass die eigenen aggressiven Impulse einen Verlust der Liebe des Objekts und ein Verlassenwerden zur Folge haben werden.

In der kleinianischen Tradition hat vor allem Ronald Britton (1998) diese Differenzierung eingeführt. Unbewusste Phantasien bleiben stets unbewusst, aber sie können sich mit bewussten Vorstellungen verbinden und Objekt von subjektiven Überzeugungen werden (beliefs), die sowohl bewusst werden als auch unbewusst bleiben können.

2. Das nicht-verdrängte Unbewusste

Freud sieht sich zwar genötigt, auch ein nicht-verdrängtes Unbewusstes anzunehmen, er gibt aber gleichzeitig zu erkennen, dass er daran nicht weiter interessiert ist (1923b, 244f). Das nicht-verdrängte Unbewusste steht nun seit längerer Zeit im Fokus des psychoanalytischen Interesses. Dies vor allem durch die Entdeckung des sog. impliziten/prozeduralen Wissens, das sich in einer vom autobiographischen Gedächtnis getrennten Gedächtnisform niederschlägt.

Den Inhalt des nicht-verdrängten impliziten Unbewussten bilden vornehmlich die frühen Objektbeziehungen, die sich als Repräsentanzen oder als innere Objekte darin niederschlagen, als körperlich verankerte (embodied) senso-motorische Koordinationen, als Interaktions- und Handlungsschemata, als Phantasien und Erwartungen.

Auch das jeweilige Bindungsverhalten ist im nicht-verdrängten Unbewussten anzusiedeln, ebenso wie das »implizite relationale Wissen« (implicit relational knowledge), das die Boston Change Process Study Group herausgearbeitet hat (Stern et al. 2012; Lyons-Ruth 1999). Diese Forschungsgruppe legt Wert auf die Erkenntnis, dass die impliziten interaktiven Prozesse, obwohl symbolisch nicht repräsentiert, intentional ausgerichtet sind. Die intentionale Struktur macht die frühen Interaktionen psychodynamisch bedeutsam, denn auf dieser impliziten Ebene kann es zu Konflikten zwischen den interaktiven Intentionen des Selbst und denjenigen seiner Bezugspersonen kommen.

Für unseren Zusammenhang ist von Bedeutung, dass diese Interaktionen außerhalb der bewussten Wahrnehmung verlaufen, sie sind unbewusst und haben einen psychodynamischen Gehalt, sind aber nicht verdrängt. Aufgrund dieser Forschungen müssen wir heute davon ausgehen, dass ein dynamisches Unbewusstes nicht mehr gänzlich von einem nicht-verdrängten impliziten Unbewussten abgegrenzt werden kann.

Christopher Bollas beklagt seit längerem, dass die Psychoanalytiker das nicht-verdrängte Unbewusste nahezu ignoriert hätten. Er dehnt den Inhalt des Unbewussten noch weiter aus als die Boston Change Study Group. Für ihn entsteht das unbewusste Leben in utero. Es geht aus den ererbten Dispositionen hervor und entwickelt sich in den prägenden Kinderjahren weiter. Die Art und Weise, wie unsere frühen Bezugspersonen uns »behandeln, wird in uns kodiert und in die Grammatik unseres Ichs oder in die Regeln des Seins und der Bezogenheit eingebaut, nach denen wir unser Leben leben« (2011, S. 18). Es ist ein »unthought known«, ein nichtgedachtes, aber uns bestimmendes Wissen, das sich in uns entfaltet.

Auch Donnel B. Stern (1997) zielt mit seinem Verständnis des Unbewussten als einer »unformulated experience« auf die nicht-verdrängte Form unbewusster Erfahrung ab. Stern greift die Freudsche Auffassung des verdrängten Unbewussten grundsätzlich an und formuliert eine radikal hermeneutische Theorie. Unbewusste Erfahrung ist für ihn keine vergrabene oder verborgene Wirklichkeit, die dort sozusagen vollständig aufbewahrt ist und die es nur wieder in Worte zu fassen gilt. Für Stern ist auch nicht das Individuum die zu untersuchende Einheit, sondern das interpersonale Feld. Auch dort gibt es keine unbewusste Wahrheit, die schon vorhanden ist und die man nur ausgraben müsste. Es sind flüchtige, nur vage erfassbare nonverbale Erfahrungen, die noch nicht weiter formulierbar sind, die das Unbewusste bilden. Zumeist sind sie vom Bewusstsein dissoziiert. Erst durch die Reflexion in der analytischen Beziehung können Analytiker und Analysand für diese Erfahrung Formulierungen finden und so mit Bedeutung versehen. Das heißt, eine Bedeutung wird nicht wiedergefunden, sondern sie wird neu konstruiert.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Unterscheidung zwischen dem dynamischen und dem nicht-verdrängten impliziten Unbewussten heutzutage in der Psychoanalyse immer schwieriger zu treffen ist oder sogar ganz gegenstandslos wird. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass die frühen nonverbalen Objektbeziehungsstrukturen vermehrt ins Zentrum psychoanalytischer Aufmerksamkeit gerückt sind. Dadurch geraten die unbewussten infantilen Triebwünsche in den Schatten von frühinfantilen unbewussten Interaktionsmustern und den damit verbundenen Selbst- und Objektrepräsentanzen.

3. Das kreative Unbewusste

Das Seelenleben des Einzelnen ist geprägt von Strukturkonflikten. Die analytische Behandlung dient deren besserer Balance. Dabei kommt unbewussten Prozessen eine Art von Korrekturfunktion zu. Unbewusste Phantasien können eine stabilisierende oder eine »gyroscopic« Funktion (Sandler 1986) haben. Auch Träume können eine Korrektur von Einstellungen und Konflikthaltungen nach sich ziehen und dem Träumer ein Gefühl wachsender persönlicher Authentizität vermitteln.

Solche und andere klinische Erkenntnisse haben dazu geführt, dass heute der Traum in der Psychoanalyse nicht mehr in erster Linie als ein Weg angesehen wird, auf dem sich unbewusste Wünsche eine imaginäre Erfüllung suchen; vielmehr gilt der Traum als eine besondere Form des unbewussten Denkens, das auf der Suche nach Problemlösungen ist, der Verarbeitung von Konflikten dient, neue Ideen schafft und seelisches Wachstum fördert. Insbesondere Wilfred Bion war einer der Protagonisten dieser Erweiterung. Träumen wird bei ihm zu einer primären Funktion des menschlichen Geistes. Sie dient der Transformation von Erfahrungen. Dieses träumende unbewusste Prozessieren und Metabolisieren von Erfahrung findet sowohl im Schlaf als auch im Wachbewusstsein statt.

Mit diesen Entwicklungen der Traumtheorie einhergehend haben manche Psychoanalytiker die Freudsche Konzeption des Unbewussten um ein sogenanntes romantisches Verständnis erweitert, in dem das Unbewusste zu einer Quelle seelischen Wachstums wird. So versteht z.B. Grotstein (2009) das Unbewusste als einen symbolischen Prozess, der Bedeutungen erzeugt und die äußere Welt mit Metaphern und poetischen Bildern versorgt.

Newirth (2003) spricht von einem »generativen Unbewussten«, das die Personwerdung des Einzelnen und seine Subjektivität speist. Er unterscheidet es von dem »verdrängten Unbewussten« und dem »relationalen Unbewussten«. In solchen funktional als eigenständig anzusehenden kreativen unbewussten Prozessen ist z.B. Winnicotts »wahres Selbst« ebenso zu verankern wie Bollas’ »unthought known« oder sein Konzept des »idiom« als eines individuellen Identitätsthemas, das, selbst unbewusst, sich im Leben des Einzelnen in Objektivationen entfaltet.

Hier gilt es, ein mögliches Missverständnis auszuräumen, nämlich dass es sich bei diesen drei Formen des Unbewussten um wesensmäßig unterschiedene seelische Bereiche handele. Sie unterscheiden sich eher durch Funktion und Organisationsform ihrer Prozesse.

Denkt man in Systemen oder seelischen Bereichen, so besteht die Gefahr, sie als scharf voneinander abgegrenzt aufzufassen, anstatt von fließenden Übergängen und Kontinuitäten seelischer Prozesse auszugehen. Freud selbst war sich in dieser Frage nicht einig. So sprach er davon, dass sich »eine scharfe und endgültige Scheidung des Inhalts der beiden Systeme« (Bewusst und Unbewusst) (1915e, S. 294) in der Regel erst mit der Pubertät einstellt. Später bevorzugte er die Vorstellung, dass sich die Bereiche gegenseitig durchdringen.

»Der Eigenart des Psychischen können wir nicht durch lineare Konturen gerecht werden wie in der Zeichnung oder in der primitiven Malerei, eher durch verschwimmende Farbenfelder wie bei den modernen Malern« (1933a, S. 86).

Heute wird das Denken in psychischen Orten oder Systemen weitgehend durch ein Denken ersetzt, das »bewusst« und »unbewusst« als unterschiedliche Organisationsgrade seelischen Materials versteht. Von da aus gesehen erscheint es hilfreicher, sich »bewusst« und »unbewusst« eher auf einem Kontinuum angesiedelt vorzustellen denn als scharf getrennte psychische Orte oder Räume.

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Literatur

Bollas, C. (2011 [2009]): Die unendliche Frage. Zur Bedeutung des freien Assoziierens. Übers. E. Vorspohl. Frankfurt/M. (Brandes & Apsel).
Brakel, L., Shevrin, H. & Villa, K. (2002): The priority of primary process categorizing: Experimental evidence supporting a psychoanalytic developmental hypothesis. J Am Psychoanal Ass 50, 483–505.
Britton, R. (2001 [1998]): Glaube, Phantasie und psychische Realität. Psychoanalytische Erkundungen. Übers. A. Vaihinger. Stuttgart (Klett-Cotta).
Freud, S. (1900a): Die Traumdeutung. GW 2/3.
– (1911b): Formulierungen über die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens. GW 8, 230–238.
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– (1923b): Das Ich und das Es. GW 13, 237–289.
– (1933a): Neue Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW 15.
Grotstein, J. (2009): But at the Same Time and on Another Level. Bd. 1: Psychoanalytic Theory and Technique in the Kleinian/Bionian Mode. London (Karnac).
Isaacs, S. (1948): The nature and function of phantasy. Int J Psychoanal 29, 73–97.
Laplanche, J. & Pontalis, J.-B. (1972 [1967]): Das Vokabular der Psychoanalyse. Übers. E. Moersch. Frankfurt/M. (Suhrkamp).
Lyons-Ruth, K. (1999): The two-person unconscious: Intersubjective dialogue, enactive relational representation, and the emergence of new forms of relational organization. Psychoanal Inq 19, 576–617.
Newirth, J. (2003): Between Emotion and Cognition. The Generative Unconscious. New York (Other Press).
Sandler, J. (1986): Reality and the stabilizing function of unconscious fantasy. Bull Anna Freud Center 9, 177–194.
– & Sandler, A.-M. (1999 [1998]): Innere Objektbeziehungen. Entstehung und Struktur. Übers. U. Stopfel. Stuttgart (Klett-Cotta).
Stern, D.B. (1997): Unformulated Experience: From Dissociation to Imagination in Psychoanalysis. Hillsdale NJ (Analytic Press).
–, et al. (The Boston Change Process Study Group) (2012 [2010]): Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma. Übers. E. Vorspohl. Frankfurt/M. (Brandes & Apsel).

Aus dem Editorial des PSYCHE-Sonderhefts „Das Unbewusste. Metamorphosen eines Kernkonzepts“ (Psyche – Z Psychoanal 67, September/Oktober 2013). Veröffentlicht werden hier die S. 804-814 mit freundlicher Genehmigung des Klett-Cotta-Verlags, Stuttgart

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