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Who is afraid of Sigmund Freud? Perspektiven der Psychoanalyse heute

Eine Ringvorlesung im Rahmen des "Offenen Hörsaals" der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2013/14

Konzept: Prof. Dr. Peter-André Alt

Welche Rolle spielt die Psychoanalyse heute? Welchen Stellenwert hat sie in der Medizin, der Psychologie, aber auch in anderen Wissenschaften? Welche Bedeutung haben ihre Konzepte, Theorien und Erkenntnisse im 21. Jahrhundert?

Diesen Fragen geht die Ringvorlesung der Freien Universität Berlin im Wintersemester 2013/2014 nach. Namhafte Referentinnen und Referenten widmen sich mit ihren jeweiligen Schwerpunkten und Perspektiven ganz unterschiedlichen Aspekten dieser Fragestellung.

Welche Perspektiven vermittelt die Psychoanalyse heute?

Lesen Sie dazu den Einladungstext von Prof. Dr.  Peter-André Alt, Wissenschaftler am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie und Präsident der Freien Universität Berlin 

(Zitat:) "Die Psychoanalyse ist die modernste aller Humanwissenschaften. Nicht nur ihre illusionslose Lehre vom Menschen, der im Bann des Unbewussten steht, sondern auch die Grundstruktur ihrer Darstellung im Lehrgebäude Freuds spiegelt die Konflikte, Aporien und Paradoxien der Neuzeit.

Deren Drang zur Selbsterkundung, zur Ausforschung verborgener Spuren und Zeichen, ihre Lust an der Entlarvung des Geheimen finden in den systematischen Ordnungen der Psychoanalyse eine modellhafte Struktur.

Wer von der Moderne spricht, spricht notwendig über die Psychoanalyse; er tut das nicht immer explizit, aber zwangsläufig. Die Moderne zu reflektieren heißt: von der Psychoanalyse begriffen, in ihr eingeschlossen sein. Auch Kritiker entkommen ihr nicht, weil ihr ein mächtiger Impetus eigentümlich scheint. Die Diagnose, die sie dem Trieb und dem Unbewussten stellt, erfasst unsere großen Erzählungen von der Kultur des Menschen. Niemand kann diese Erzählungen mehr anheben lassen, ohne den Deutungsmustern Freuds seinen Tribut zu zollen.

Die unumstrittene historische Bedeutung der Psychoanalyse darf nicht zu der Annahme führen, es handele sich hier um ein gleichsam überholtes Wissens- und Arbeitsgebiet, das sein Geltungsrecht nur aus der Vergangenheit ableitet. Freuds Lehre wirkt weiter in therapeutischer Praxis und klinischer Arbeit; sie ist präsent in neueren Forschungsansätzen, die einen Brückenschlag zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft herstellen; und sie erweist ihre Bedeutung in kulturwissenschaftlichen Methoden, bezogen auf die Künste, den Film, symbolische Praktiken und Rituale, auf Religion und Ethnologie. Dass die wissenschaftliche Evidenz der Psychoanalyse trotz solcher Adaptionen kontrovers diskutiert wird, lässt sich nicht bestreiten.

Dieser Umstand zieht sich seit ihrer Begründung in den Hysterie-Studien und der Traumdeutung Freuds wie ein roter Faden durch ihre Geschichte. Während es in ihren historischen Anfängen vor allem Tabubrüche wie die Theorie der infantilen Sexualität oder neue kulturelle Deutungsmuster wie das des Sublimierungsmodells waren, die für Widerstand in Wissenschaft und Gesellschaft sorgten, entstammt die Kritik heute vor allem dem Lager einer psychologischen Forschung, die das psychoanalytische Wissen für empirisch unzureichend fundiert hält.

Gerade die neueren Diskussionen über die Möglichkeit eines Brückenschlags zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft erweist jedoch, dass die von Freud begründete Lehre auch im 21. Jahrhundert überraschende Entdeckungen bereithält und keineswegs stillsteht.

Zielsetzung und Teilgebiete 

Die Vorlesung fragt nach den Ansichten, welche die Psychoanalyse heute, am Beginn des 21. Jahrhunderts, noch, wieder oder ganz neu bietet. Sie untersucht den aktuellen therapeutischen und klinischen Ertrag ihres Lehransatzes, ihre medizinischen, philosophischen, kulturwissenschaftlichen und pädagogischen Implikationen, ihre Anthropologie und Pathologie, ihr Verhältnis zu Hirnforschung, Ethik, Religion und Gesellschaft. Sie stellt Konfigurationen psychoanalytischen Wissens im Zusammenspiel mit klinischen und therapeutischen Ansätzen, mit neurowissenschaftlichen, emotions- und kognitionstheoretischen Untersuchungsmustern, mit philosophischen Traditionen, Texten der Literaturgeschichte und Filmen vor.

Die Vorlesung versammelt Vorträge aus den Gebieten der Medizin, der Psychologie und Philosophie, der Pädagogik, Kunst- und Literaturwissenschaft sowie der Film-Studien. Die von ihr verfolgten Themen lassen sich in drei große Gruppen enteilen:

ein erster Block befasst sich mit dem grundlegenden Selbstverständnis der Psychoanalyse heute, ihrer Definition von Gesundheit und Krankheit, ihrer Beziehung zur modernen Neuropsychologie, ihrem Selbstbild als heilende Wissenschaft, ihrer klinischen Praxis.

Ein zweiter Sektor gilt Leitfragen der modernen Psychoanalyse im Blick auf ihre therapeutischen Herausforderungen, ihr Körperbild, ihren Verstehensanspruch und ihre Implikationen für den Begriff des Subjekts.

Ein drittes Feld erschließt die Beziehung der Psychoanalyse zum kulturellen Wissen, zu Pädagogik, allgemeiner Ästhetik, Symboltheorie, Literatur und Film.

Gerade der Zugang über sehr heterogene Fächer wird die Bedeutung der Psychoanalyse heute erweisen. Klinische und empirisch-psychologische Fragen stehen dabei neben hermeneutischen und kulturtheoretischen, soziologischen und didaktischen Herangehensweisen. Im Zusammenwirken der unterschiedlichen Disziplinen soll die Vorlesung Einsichten in die aktuellen Antworten der Psychoanalyse auf die Konstellationen der postmodernen Wissensgesellschaft, auf die Offerten der Künste, emotionale Dispositionen, spezifische Krankheiten und die Suche des Menschen nach einem individuellen Sinn des Lebens bieten. Nicht zuletzt wird sie eine Bilanzierung des durch die Psychoanalyse Geleisteten er-möglichen - eine Bestandsaufnahme ihrer wissenschaftlichen Möglichkeiten, ihrer Fortentwicklung und der Impulse, die von ihr auf andere Fachgebiete ausgehen." (Zitat Ende)

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Peter-André Alt.

Näheres zum Programm der Ringvorlesung finden Sie über die Website des Offenen Hörsaals. Hier können Sie sich auch das Programm als pdf-Datei herunterladen. Details  zur Veranstaltungsreihe finden Sie auch in unserem Veranstaltungskalender, über den Sie die Veranstaltungsreihe auch in ihren Google™- oder iCal™-Kalender einfügen können.

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