Psychoanalyse entsteht im Gespräch

Psychoanalyse entsteht im Gespräch

Das Psychoanalyseforum, die Online-Community für Psychoanalyse-Interessierte, bildet dafür eine Plattform im Netz

Psychoanalyse entsteht im GesprächEin Herzstück der Psychoanalyse ist die Arbeit „in der Beziehung“. Auch die psychoanalytische Community selbst entwickelt sich seit ihren Ursprüngen aus den persönlichen Beziehungen ihrer Mitglieder, den Netzwerken der Psychoanalytiker - und ihren Verbindungen mit Menschen, die „die Wissenschaft vom Unbewussten“ neugierig macht.

Nehmen wir nur als historisches Beispiel die "Psychologische Mittwochsgesellschaft", die Sigmund Freud 1902 in Wien gründete. Diese Diskussionsrunde mit anfangs 5 Mitgliedern, die sich in Freuds Praxis trafen, gilt als Vorläufer der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Doch das Interesse an der Psychoanalyse ist seit Jahren rückläufig. Psychoanalytische Erkenntnisse gelten für Viele heute als psychologische Randerscheinung, die von der Entwicklung der Wissenschaften überholt wurde.

Die Grundlage des nachhaltigen Erfolgs analytisch-therapeutischen Arbeitens, der oft langfristige Prozess einer Entwicklung in der analytischen Begegnung, wirkt unattraktiv und mühsam. Der Reiz der Psychoanalyse in Europa während ihrer Blütezeit im 20. Jahrhundert ist verblasst.

Dazu hat die Psychoanalyse beigetragen. Nur wenige Psychoanalytiker haben den Austausch mit anderen Fachgebieten und innerhalb der Gesellschaft gepflegt. Stattdessen entstanden hermetische Räume und hierarchische Ausbildungsstrukturen, die den kritischen Diskurs behinderten. Die Psychoanalyse droht an den Kräften, denen sie in analytischen Behandlungen so erfolgreich entgegenwirkt, selbst zu ersticken.

Viele moderne Entwicklungen psychoanalytischer Theorien und Anwendungsgebiete bleiben der Öffentlichkeit verborgen. Die Psychoanalyse verliert an Einfluss und Bedeutung.

Wo bleibt da noch Spielraum für psychoanalytisches Denken?

Erfreulicherweise gibt es jedoch eine wachsende Gegenbewegung in der psychoanalytischen Community selbst. Auch wenn es scheint, als müsse sie ihr eigenes, kritisches Potential in der Mitte der Gesellschaft erst neu entdecken.

Es bilden sich Initiativen wie

Mit unserem Projekt, der Gründung einer deutschsprachigen Online-Community für Psychoanalyse-Interessierte, wollen wir weitere Antworten auf diese Fragen finden:

  • Lässt sich das Unzeitgemässe der Psychoanalyse heute nutzen, um gesellschaftliche Bewegungen und fruchtbare Entwicklungen anzustoßen?
  • Wie wäre der emanzipatorische Gedanke der Psychoanalyse heute zu vermitteln?
  • Wie kann die kränkende Erkenntnis Sigmund Freuds, dass „das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist“, das Wesenhafte des Unbewussten, wieder zu einem Gegenstand für neugieriges Forschen werden?

Eine erneute Öffnung der Psychoanalyse gegenüber der Gesellschaft tut Not.

In den vergangenen Jahren ließ sich ein erster Wandel erkennen. Doch in der Tradition großer Namen wie Horst-Eberhard Richter oder Alexander und Margarete Mitscherlich, deren gesellschaftliche und politische Stellungnahmen breites Gehör fanden, steht diese Entwicklung noch in ihren Anfängen.

Unsere Online-Community will diese Entwicklung fördern. Sie soll als offener, virtueller Raum für Begegnungen zwischen Psychoanalyse-Interessierten und Psychoanalytikern dienen.

Virtuell - nicht im Sinne von „irreal“ oder „illusionär“, wie die alltagssprachliche Definition befürchten lässt, sondern im Sinne eines Möglichkeitsraums, der Neues entstehen lässt.

In unserer Community finden Sie keinen vorgegebenen Kanon psychoanalytischen Wissens. Die Offenheit unseres Angebots schafft Raum, um sich über die Grenzen verschiedener Schulrichtungen, Professionen, Fachgesellschaften und Institutionen hinaus auszutauschen. An die Stelle eines vorgefassten Informationsangebots tritt Ihre Frage, Ihre Neugier und Ihre Erfahrung.

Für die Psychoanalyse bedeutet eine offene Online-Community einen großen Schritt.

Eine Online-Community bildet eine Sonderform sozialer Netzwerke im Internet. Ihre Mitglieder verbindet ein gemeinsames Interessengebiet. Sie teilen ihr Wissen und diskutieren ihre Meinungen und Erfahrungen. Das Potential der Online-Community liegt im offenen Austausch ihrer Mitglieder, in einer virtuellen, lernenden Gemeinschaft.

Die durch diesen Austausch entstandenen Inhalte sind zugleich der Ausdruck der Beziehungen, aus denen sie entstehen. Das kann ein gemeinsam erstellter Artikel oder das Ergebnis eines Online-Seminars sein. So entsteht mit der Zeit eine breite, gemeinsame Wissensbasis. Diese Inhalte können mit anderen Nutzern des Internets geteilt werden. Das ermöglicht die Vergesellschaftung des erworbenen Wissens.

Darin liegt der Reiz, aber auch die Gefahr. Kann die Psychoanalyse ihr kritisches Potential im virtuellen Raum der „Social Networks“ entfalten? Kann sie ihre Eigenständigkeit als Wissenschaft bewahren, oder wird sie in den stürmischen Zeiten neuer Entwicklungen untergehen, und nur noch als Steinbruch für den Bau neuer Wege dienen?

Am Anfang stehen Fragen, gemeinsames Nachdenken und Lernen - und: Nicht-Wissen

Mit diesem Ausgangspunkt stellen wir ein Grundprinzip des analytischen Dialogs in die Mitte unserer Community:

Das Nicht-Wissen geht der Einsicht und dem Wissen voraus.

Nicht-Wissen bedeutet nicht Unkenntnis oder Ahnungslosigkeit. Es bezeichnet eine offene Haltung, die einen intensiven Dialog ermöglicht.

Das ist im Informationszeitalter eine Provokation. Die immer kürzere Aufmerksamkeitsspanne vieler Internet-Nutzer bedeutet ein großes Risiko für ein so offenes Modell. Wer nicht umgehend attraktive Informationen bietet, wird schnell weggeklickt. Doch lässt sich zugleich auch ein zunehmendes Interesse an verlässlichen Quellen, fundierten Informationen und  - vor allem - an Menschen, die etwas zu sagen haben, weil sie über entsprechendes Wissen und Erfahrungen verfügen.

Wir - die Initiatoren dieses Projekts - möchten uns auf dieses Wagnis einlassen.

  • Wird die Leere eines offenen, virtuellen Raums, der durch die Mitglieder dieser Community erst mit ihren Fragen, Gedanken und Erfahrungen "belebt" wird, einladend genug sein?
  • Werden sich genügend Interessierte für einen so offenen Dialog finden?
  • Ist allein die Chance, einen so unmittelbaren, wenn auch virtuellen Zugang zueinander zu finden - für Psychoanalyse-Interessierte und Psychoanalytiker gleichermaßen - attraktiv genug, um einen lebendigen Austausch zu initiieren?

Der Werkstatt-Charakter dieses Projekts bietet uns und Ihnen viel Raum zum Experimentieren, aber er bedeutet auch Unsicherheit.

Unser Erfolg steht und fällt mit der aktiven Beteiligung, dem Nutzen für Sie, mit Ihrer Lust am Austausch, dem Mut zum Ausprobieren, und Ihrer Neugier - auf eine Psychoanalyse, die im Gespräch entsteht.

Print Friendly