Psychoanalytiker werden in unsicheren Zeiten?

"Sie machen Psychoanalyse? Aber die wird doch abgeschafft?!" Mit ungläubigem Staunen schaute mich vor wenigen Jahren eine Psychologin an, mit der ich während meiner psychiatrischen Weiterbildung in der Klinik zusammengearbeitet hatte. Wir trafen uns zufällig beim Einkaufen in der Kölner Innenstadt. Nach kurzem Schweigen ergänzte sie: "Aber Sie waren ja damals schon ein bisschen anders... Haben sich immer für die besonders schwierigen Fälle interessiert." Unwillkürlich musste ich lachen, als ich ihren Gesichtsausdruck betrachtete. Ihre Augenbrauen, die eben noch fast den Haaransatz berührten, zogen sich zu einem sorgenvollen Dreieck zusammen.

Leider hatten wir beide wenig Zeit, um unser Gespräch fortzusetzen. Sie reichte jedenfalls nicht, um ihr nur annähernd erklären zu können, was mich motivierte, eine weitere, so aufwendige Ausbildung zu beginnen - nach sechs Jahren Studium, fünf Jahren Facharzt-Weiterbildung und neun Jahren praktischer Tätigkeit als Arzt im Gesundheitsamt.

Ungläubigem Staunen begegnete ich in den letzten Jahren mehrfach. Meistens war es eine Mischung aus Neugier und Skepsis, doch gelegentlich war es auch offenes Unverständnis, das mir entgegen schlug. Lediglich diejenigen, die mich schon aus dem Studium kannten, wunderten sich nicht darüber. Sie erinnerten sich, dass ich damals die meiste Zeit in der psychosomatischen Medizin verbrachte, während sie im Labor über ihrer Doktorarbeit brüteten. Bei "den Psychosomatikern" fand ich es früher schon spannender, als mich mit Versuchstieren oder Reagenzgläsern zu beschäftigen.

Doch die Zeiten ändern sich

Nicht nur im Gesundheitswesen, auch an den Universitäten hat ein tief greifender Wandel stattgefunden. Das höre ich, wenn ich mit Medizin-Studenten im Psychosomatik-Kurs spreche. Zeitdruck, straffe Ausbildungspläne und die Sorge um zukünftige Arbeitsplätze bestimmen den Alltag nicht nur  zukünftiger Ärzte, sondern auch der Psychologie-Studierenden. Bachelor- und Master-Studiengänge wirbeln die Bildungslandschaft durcheinander. Kaum jemand ist wirklich sicher, wie sich Universitäten und Patientenversorgung in den nächsten 10 Jahren entwickeln werden.

Der wirtschaftliche Druck steigt

Wer heute ein Psychologiestudium beginnt, um später als psychologischer Psychotherapeut in einer Praxis Kassenpatienten zu behandeln, muss schnell studieren - um dann lange auf einen freien Kassensitz warten zu müssen. Und die kosten dann schnell mal 50-100.000 Euro...

Nur eines scheint heute sicher: die zunehmende Unsicherheit. Da verwundert es mich nicht, dass Studierende immer  früher danach fragen, wie viel Zeit eine weiter führende Ausbildung benötigt, wie viel sie kosten wird und welche Chancen bestehen, möglichst schnell auf dem "Gesundheits-Markt" Geld zu verdienen. Die Angst wächst, angesichts der zunehmenden Konkurrenz ins Hintertreffen zu geraten. Die Folge: Wartelisten psychologischer Beratungsstellen an den Unis sind lang. Depressive Reaktionen, Prüfungsangst und Leistungsstörungen haben Hochkonjunktur.

Psychologie-Studierende sind zunehmend unzufrieden mit ihrer Ausbildung

Kürzlich erzählte mir ein Psychologiestudent, wie groß die Unzufriedenheit unter seinen Studienkollegen sei. "Kaum jemand traut sich, die einseitige Ausrichtung der Lehrpläne offen zu kritisieren. Die Lehrstühle sind fest in der Hand der Verhaltenstherapie. Störungsspezifische Behandlungspläne, manualisierte Therapieprogramme und lösungsorientierte Techniken - das steht ganz oben auf der Liste." Er fügte nachdenklich hinzu: "Bald sieht es bei Psychotherapeuten so aus wie bei meinem Hausarzt. Fünf bis zehn Minuten Zeit, dann muss alles gesagt sein. Der Nächste bitte. Und so ist auch die Stimmung bei uns im Hörsaal."

Doch diese Entwicklung entspricht den Anforderungen, die im Gesundheitswesen gestellt werden. Leere Kassen fordern schnelle Behandlungen. Günstige Langzeit-Prognosen wie bei den psychoanalytischen Behandlungen verlieren da an Bedeutung. Schnelle Erfolge stehen im Vordergrund.

Wer macht da noch eine Ausbildung zum Psychoanalytiker?

Eine Anmerkung zum Schluss: als ich diesen Artikel im Oktober vergangenen Jahres schrieb, war eine Initiative Psychologie-Studierender gerade ein halbes Jahr alt. Die IDPAU - Interessengemeinschaft der Psychoanalyse an den Universitäten e.V. hat sich seither zu einer tatkräftigen Gemeinschaft mit vielfältigen Ideen und Engagements entwickelt. Ihr Ziel: die Psychoanalyse wieder an die Universitäten zu bringen. Studierende sollen neben verhaltenstherapeutischen auch psychoanalytische Lehrinhalte lernen, um gut informiert und selbständig ihre zukünftige therapeutische Ausrichtung wählen zu können.

Neben regelmäßigen Vorträgen von Psychoanalytikern an verschiedenen Universitäten und einer ersten Tagung im Frühjahr 2013 ist einer ihrer bisher größten Erfolge die ab dem Wintersemester 2013 stattfindende Seminarreihe zur Psychoanalyse am Fachbereich Psychologie der Universität Bielefeld.

Sie wird fester Bestandteil des dortigen Lehrplans. Die Leitung übernimmt Prof. Hans-Volker Werthmann, Lehranalytiker am Mainzer Psychoanalytischen Instituts, einem Ausbildungsinstitut der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung. Prof. Werthmann hatte viele Jahre den Vorsitz der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) inne. Bereits in den 70er-Jahren entwickelte er eine Zusatzweiterbildung für Psychologen in tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie.

 

 

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