unZEITGEMÄSSES

„Dass sich jemand so viel Zeit für mich nimmt“ – der Zeitbegriff der Psychotherapie

Gedanken zur Zeit als Tauschwert und als Gabe - anlässlich eines Vortrags von Joachim Küchenhoff auf der Tagung der Deutschen Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT)

Was unterscheidet den Zeitbegriff der Psychoanalyse von der Kurzzeit-Vorstellung in anderen Therapieverfahren?

unZEITGEMÄSSES

Zeit als Tauschwert und Gabe

Ein oft gehörter, überraschter Ausspruch von Patienten, die zum ersten Mal das Erlebnis einer Psychotherapie machen, steht am Anfang meiner Überlegungen zum Zeitbegriff in der Psychotherapie. Erstaunt darüber, dass sich jemand für einen einzelnen Menschen so viel Zeit nimmt, beginnen sie häufig, auch über ihr eigenes Zeitgefühl, und die Frage nachzudenken, was es eigentlich bedeutet, sich so unzeitgemäss viel Zeit zu nehmen: für sich selbst, die eigene Entwicklung, für ungeklärte Probleme und Fragen. unZEITGEMÄSSES - so lautet auch der Titel einer Tagung der DGPT, die gerade in Berlin begonnen hat.

An den Anfang ihres Programmes stellten die Veranstalter einen Vortrag des Baseler Professors und Chefarztes der Klinik für Psychiatrie Basel-Land. Joachim Küchenhoff ist Arzt für Psychiatrie und für psychotherapeutische Medizin, Psychoanalytiker (International Psychoanalytical Association) - und einer breiten Leserschaft bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen zur psychodynamischen Psychiatrie, Psychoanalyse und Psychotherapieforschung. Seinem Vortragsthema nähert sich Küchenhoff mit Hilfe einer Gegenüberstellung. Die bereits in seinem Vortragstitel „Das Mass der Zeit - Zeit als Tauschwert und Gabe“ auftauchende Zeitmessung spielt denn auch eine große Rolle in der unterschiedlichen Bewertung der Zeit.

Zeit ist Geld

Dieses Sprichwort veranschaulicht einen Zeitbegriff, der die Zeit als Tauschwert betrachtet. Küchenhoff beschreibt, wie sich der Versuch, die Zeit zu beherrschen, sie zu sparen und zu investieren, als Widerstand gegen deren Vergänglichkeit verstehen lässt.

„Die Zeit herrscht durch ihren Kern, ihre Vergänglichkeit“

so bringt er das Unerbittliche  der Zeit auf den Punkt. Alle Bemühungen, die Zeit kalkulierbar zu machen, sie zu managen und zu planen, können so auch als Ausdruck unseres Bemühens verstanden werden, dieser - mithin unserer eigenen - Vergänglichkeit etwas entgegenzusetzen.

 Geschenkte Zeit gibt es nur jenseits unseres Erwartungshorizonts

Dem stellt Küchenhoff die Zeit als Gabe gegenüber. Was ist darunter zu verstehen? Jaques Derrida, französischer Philosoph und Begründer des Dekonstruktivismus, fasst den Begriff der Gabe als einen „rückhaltlosen Aufbruch“, und beschreibt damit etwas, das unkalkulierbar ist, weil es keinen Gegenwert bildet, und damit zugleich die Grundlage für etwas gänzlich Neues, Unerwartetes entstehen lässt.

Aber was hat das nun mit Psychotherapie und Psychoanalyse zu tun?

In der Psychotherapie finden wir beide Pole: die verkaufte Zeit im Setting der psychotherapeutischen Praxis, in der der Therapeut mit seiner Zeit sein Geld verdient, aber auch die Zeit als Gabe, als Präsenz in jeder einzelnen Stunde, in der in der Begegnung zwischen Therapeut und Patient etwas Unerwartetes entstehen kann. Voraussetzung dafür ist das Vertrauen der Beteiligten in die gegenseitige Aufmerksamkeit und Zuwendung, aber auch das Interesse am Anderen, der in die jeweilige Stunde sich selbst und seine eigenen Gedanken und Gefühle, das Erlebte und Geschehene einbringt.

Küchenhoff unterscheidet nun den Zeitbegriff, den Umgang mit der Zeit, in den verschiedenen Schulrichtungen der Psychotherapie anhand der Gewichtung dieser beiden Pole. Er macht diesen Unterschied an der Art und Weise fest, welchen Stellenwert die Beziehung zwischen Therapeut und Patient in deren Zeiterleben erhält. Lasse ich mir und meinem Patienten die Zeit, die es braucht, damit sich etwas Neues entwickeln kann, etwas Unerwartetes? Oder fange ich als Therapeut die Beiträge meines Patienten schnell als etwas auf, das sich messen, kategorisieren und bewerten lassen muss?

In der Dialektik von Tauschwert und Gabe entspannt sich, so Küchenhoff, der je unterschiedliche Stellenwert, den die Ökonomisierung der Zeit in einer Behandlung einnimmt. Auf der einen Seite des Spektrums sehen wir die strukturierten Kurzzeit-Psychotherapien, auf der anderen die Langzeit-Perspektive der „absichtslosen“ Psychoanalyse, die ohne die Vorgaben von Heilungs- und Entwicklungszielen auszukommen versucht.

unbegrenzte Zeit

Unbegrenzte Zeit?

Als Beispiel eines in der psychoanalytischen Theorie verankerten Begriffs der Zeit nennt Küchenhoff das besonders vom französischen Psychoanalytiker André Green herausgearbeitete Spannungsfeld zwischen Trieb und Objekt. So sei gerade der Aufschub der Befriedigung eines Triebes durch das ihn Objekt ein Charakteristikum, mit dem sich das Zeiterleben in der Psychodynamik gut erkennen lasse. Die Fähigkeit, einen solchen Aufschub zu ertragen, ist ein Merkmal von Menschen, deren psychische Fähigkeit sich gut entwickelt hat.

Was sich ansonsten nur in der realen Befriedigung eines Bedürfnisses nur von aussen finden lässt, gelangt durch die Entwicklung des Psychischen zunehmend nach „innen“. Spannungen können gehalten und ertragen, und kulturelle Leistungen und kreative Entwicklungen verwandelt und so subjektiv gestaltet werden.

Dazu sind jedoch nicht alle Patienten in der Lage. Küchenhoff beschreibt, wie vor allem Menschen mit frühen Störungen ihrer Persönlichkeitsentwicklung, zum Beispiel mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, mit der Zeit als Gabe ihre besonderen Schwierigkeiten hätten. Mangels ihrer Fähigkeit, die Spannung zu ertragen, die sich in der Eigendynamik offen gestalteter Zeit in therapeutischen Situationen entfalte, gingen sie häufig dazu über, die so beneidete Gabe des Therapeuten anzugreifen, und damit ihrem eigenen Zeiterleben Ausdruck zu verleihen.

Gerade zur Potentialität, die aber das Unerwartete der gegebenen Zeit beinhaltet, und zum Stellenwert der Beziehung, den diese Zeitgabe ausdrückt, entsteht so ein gespanntes Verhältnis, das in therapeutischen Entwicklungen immer wieder bewältigt werden muss.

Küchenhoff sieht in der Betonung der Gabe in psychoanalytischen Settings eine große Chance, zugleich aber auch eine Gefahr. Zu leicht gerate eine Entwicklung ins Stocken, wenn die Zeitdauer selbst idealisiert werde. Das sei besonders bei hochfrequenten Psychoanalysen eine Versuchung, der Therapeuten leicht erliegen könnten. Das lasse jedoch die Vorteile der Zeit als Gabe genauso verschwinden, wie eine übermäßige Gewichtung des Tauschwertes. Küchenhoff: „Lange dauernde Analysen sichern auch die Existenz des Psychoanalytikers.“

Damit kann er in die Gefahr geraten,  eigene, schmerzliche Vergänglichkeitserfahrungen zu vermeiden. Gerade hier sieht er ein mögliches Entgegenkommen bei Patienten, bei denen sich die Couch mitunter zu einem Ort entwickelt, an dem es - wegen der langen Zeitdauer der Psychoanalyse, scheinbar keine Vergänglichkeit gibt, und somit auch keine schmerzliche Entwicklung notwendig ist.

Wie lässt sich nun dieser Spagat zwischen den Polen des Zeitmasses halten?

Küchenhoff hält es hier - wiederum mit André Green - mit der Zeiteinheit jeder analytischen Begegnung: der einzelnen Stunde. Hier zeigt sich auch seine große Erfahrung mit den sogenannten psychoanalytischen Fokaltherapien. In dieser niederfrequenten Form der analytischen Behandlung finde das Setting des freien Assoziierens und der gleichschwebenden Aufmerksamkeit direkt im Spannungsfeld jeder einzelnen Stunde statt. Ungleich schwieriger als im hochfrequenten Rahmen klassischer Psychoanalysen, besteht hier das besondere Kunststück im Oszillieren der ungerichteten Aufmerksamkeit des psychoanalytischen Zuhörens und des Fokussierens auf das, „was jetzt dran ist“. So ensteht mit Technik des sogenannten Fokalisierens, einer besonderen Gewichtung afokaler und fokaler Sicht auf das Geschehen in der einzelnen Stunde, eine Möglichkeit, den Begrenzungen der gegebenen Zeit in einer Psychotherapie Rechnung zu tragen, ohne damit die psychoanalytische Grundhaltung der gleichschwebenden Aufmerksamkeit und des „Nicht-Wissens“ preisgeben zu müssen.

Und das in einer Zeit zunehmender Flexibilisierung und Ökonomisierung?

Was den besonderen Umgang der Psychoanalyse mit der Zeit prägt, und zugleich der Dialektik der beiden verwendeten Zeitbegriffe - des Tauschwertes und der Gabe - Rechnung trägt, beschreibt Küchenhoff mit einem weiteren Aspekt des unZEITGEMÄSSEN:

„Die Psychoanalyse wendet sich gegen die Flexibilisierung der Lebensverhältnisse.“

Was er damit meint, wird vor dem Hintergrund dieser Gegenüberstellung von Tauschwert und Gabe meines Erachtens besonders deutlich. Entwicklung braucht Zeit. Aber was ist, wenn es davon heute scheinbar nur noch wenig gibt? Wie gehen wir mit der Tendenz zu immer kürzeren Behandlungszeiten um, die von Geldgebern und Politik favorisiert werden? Dazu meint Küchenhoff, dass der besondere Umgang der Psychoanalyse mit der Zeit keine Berechtigung mit sich bringe, ein privilegiertes Aussenseiterdasein zu führen. Vielmehr betrachte er den Gedanken der Gabe als regulative Idee. Das konstruktiv-negativistische Grundverständnis dieses Zeitbegriffes begründe seine Potentialität. Was möglich sei, was sich entwickeln könne, erschaffe gerade den Zuwachs an Möglichkeiten, mit denen gerade in Psychotherapien gearbeitet werde. Aber das beinhalte auch das gesellschaftskritische Potential. Es gehe in der Psychoanalyse eben gerade nicht um eine sich selbst erfüllende Gegenwartserfahrung, in der man sich gemütlich einrichten kann, sondern um das Neue, auch um das Schmerzliche, das im besonderen Spannungsverhältnis der Vergänglichkeit entstehe. Und: „Die scheinbare Ökonomie der beschleunigten Zeit erweist sich allzu oft als rasender Stillstand.“

Vom rasenden Stillstand zur neuen Attraktivität der Psychoanalyse?

Meines Erachtens besteht gerade hier die Chance, dass sich das kritische Potential psychoanalytischen Denkens auch in einer ökonomisierten Welt neu entfalten kann - sowohl im konkreten Praxisalltag jeder Behandlungsstunde, als auch in der gesellschaftlichen Realität. Mag sein, dass genau dieser Umgang mit Zeit zu dem wachsenden Interesse beiträgt, den die Psychoanalyse mancherorts erfährt. Was ich selbst in der zunehmenden Unzufriedenheit an den universitären Ausbildungen Psychologie-Studierender erkenne, könnte die gleiche Ursache haben, wie eine positive Veränderung, die Küchenhoff in seiner Klinik feststellt: „Wir haben keine Nachwuchssorgen bei unseren Assistenzärzten, anders als in der übrigen Schweiz. Dort wird händeringend nach Assistenten gesucht. Unsere Bewerber fragen dezidiert nach der psychodynamischen Psychiatrie. Vielleicht ist das ein Selektionsvorteil.“ Vielleicht findet sich dieser Selektionsvorteil ja bald auch an den Hochschulen, die wieder Seminare zur Psychoanalyse anbieten?

Aktuell: Auf der Internetseite der DGPT finden Sie jetzt den Bericht über die gesamte DGPT-Tagung 2013 in Berlin zum Download. Hier der Link

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